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„Moorgras und Neonlicht“
 
von Stephanie Geiger
in LEONARD
Dez. 2006
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Moorgras und Neonlicht
von Stephanie Geiger
Dezember 2006
in LEONARD

 

 

Autobahn München-Garmisch, 21.27 Uhr. Im Rückspiegel verschwinden die Türme der Frauenkirche im Nirgendwo, vor Schloss Fürstenried sind die Lichtsäulen immer besser zu erkennen. Früher standen dort einmal alte Linden. Der Künstler E.LIN hat die gefällten Bäume kurzerhand zu neuem Leben erweckt und direkt in eine Achse gestellt mit der Frauenkirche. Ein Lichtblick sollen die mit Neonröhren beleuchteten Baumsäulen sein für den, der nach Hause fährt oder in die Stadt kommt. Ortswechsel. Benediktbeuern, die Uhr der Basilika schlägt die volle Stunde. Um eine blaue leuchtende Stele springen aus dem Rasen des Kreuzgang-Innenhofes Fontänen in der Form eines Andreaskreuzes in die Luft und benetzen das Gras mit Wasser. Wieder war E.LIN am Werk.

Hinter dem Akronym E.LIN steckt der Künstler Erwin Wiegerling. Als er wieder einmal im Flussbett der Isar auf der Suche nach Material war, habe er ein altes Metallschild entdeckt, auf dem nur mehr diese vier Buchstaben zu lesen waren. Die Ähnlichkeit zu seinem Namen sei nicht zu übersehen gewesen, sagt der Künstler. Ein Künstlername war gefunden.

Wiegerling ist aber auch Unternehmer. Als Restaurator verleiht er mit seinen Gaißacher Werkstätten von Seeg im Allgäu bis hinauf nach Bayreuth und in München allem neuen Glanz, was so viel Patina angesetzt hat, dass es zur Augenweide nicht mehr taugt. Auch Neuanfertigungen gehören zur Arbeit der Werkstätten. Eines der jüngsten Projekte: Für den Papst-Gottesdienst in Riem haben die Werkstätten Wiegerling neben dem Papstthron auch den Altar gefertigt.

Den Dingen auf den Grund gehen und auch einmal Experimente eingehen, das zeichnet Wiegerling aus. Dem Geheimnis des Benediktbeurer Grüns etwa ist der ausgebildete Kirchenmaler in den 60er Jahren auf die Spur gekommen. Bei Arbeiten an den Klöstern in Benediktbeuern und in Schlehdorf ist Wiegerling immer auf den selben Farbton gestoßen. Gemeinsam mit Pater Mindera aus Benediktbeuern wurde der Restaurator fündig: Aufzeichnungen aus dem 18. Jahrhundert lüfteten das Geheimnis. Ein Sandstein, der nur in Benediktbeuern vorkommt wird zermahlen und so zu einem grünen Pigment. In der Barockzeit wurde das grüne Pulver bis nach Wien geliefert.

Neue Entdeckungen und ungeahnte Ideen, machen auch die Kunst von E.LIN aus. Um den Menschen gehe es ihm in seinem Schaffen. Positive Zeichen wolle er setzen. Kein Wunder dass seine letzte große Schau, die ab März 2005 ein Jahr lang im Kloster Seeon (dort ragt an der Mauer des alten Gebäudes immer noch seine aus Neonröhren gefertigte Himmelsleiter in den Himmel) zu sehen war, die dritte Ausstellung im Schaffenszyklus von "Positive Zeichen" gewesen ist. Positive Zeichen setzt E.LIN auch dann, wenn er einmal im Jahr eine Gruppe von behinderten und nicht-behinderten Kindern der Bärengruppe der Jugendhilfe Bad Tölz in sein Atelier einlädt.

Sein Atelier hat E.LIN in unmittelbarer Nähe zu den Werkstätten in einer ehemaligen Fabrikhalle untergebracht. Die fast grenzenlose Fläche macht es gleichzeitig zu einer Art privatem Museum. Ein kleines Häuflein Erde liegt fein säuberlich zusammengekehrt auf dem Boden. Daneben Eimer mit Pigmenten und Erden, auf den Tischen Fundstücke, Schilf, Äste, Steine. Die Rohmaterialien für so genannte Eingerichte - große Glaskästen, in denen E.LIN seine Werke entstehen lässt. Dazwischen steht der Künstler. Schwarze Schuhe, schwarze Hose, schwarzes T-Shirt, graue Haare.

E.LIN hat seine Kunstwerke über das Land verstreut: Da steht ein von ihm bearbeiteter Baumstamm, aus dem oben neues Leben wächst, mitten in München gegenüber dem Hotel Bayerischer Hof. Am neuen Terminal 2 des Münchner Flughafens hat E.LIN den Wettbewerb für den Raum der Stille mit entworfen und ausgeführt.

Eines seiner jüngsten Projekte ist seit wenigen Wochen im Pocci-Park in Münsing am Starnberger See zu sehen. In einem Schiffsrumpf – er wurde innen in chinesischem Rot gehalten, sein äußeres integriert sich durch Streubüschel perfekt in die Landschaft - baumelt eine kleine gelbe Bade-Ente aus Plastik. Ihr hat E.LIN zwei Flügel aus Federn verpasst. Was das zu bedeuten hat? Das überlässt der Künstler ganz im Sinne des Karikaturisten Pocci dem Betrachter selbst. "Auch Pocci hat nicht in die Interpretation seiner Zeichnungen eingegriffen", sagt E.LIN. Einfach selbst anschauen und nachdenken, rät leonart.

Stephanie Geiger

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